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Neue Wertschöpfung in der Wissensgesellschaft: Bildungsgutscheine für Deutschland

Prof. Dr. Margrit Kennedy und Kathleen Battke M.A. stellen ein Bildungsgutschein-System für Deutschland am Beispiel des brasilianischen SABER vor.

Wissen vermehren, lebenslang lernen: Das Kapital unserer Köpfe

In unserem Bildungssystem liegen ungeahnte Wissensschätze brach. Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Wissen zu nutzen und zu vermehren. Um wie viel erfolgreicher ließe sich Bildung zum Allgemeingut machen, wenn wir sie systematisch heben würden?
Zugleich verfällt Wissen und Können immer schneller, weshalb wir dauernd Neues lernen müssen (oder dürfen). Wissen gilt es angesichts des Tempos von gesellschaftlichem und globalem Wandel aus der Zukunft zu generieren. Konzepte aus der Vergangenheit taugen - so zeigt es die aktuelle Lage - nicht mehr ausreichend zur Problembewältigung. Und Bildung muss wieder den ganzen Menschen erreichen, muss praktisch werden: Gelernt haben wir erst, wenn Kopf, Herz und Hand zusammen reale, nutzbringende Veränderung geschaffen haben.
Für gesellschaftliche Einrichtungen, die diese entscheidenden Notwendigkeiten erkannt haben und diese Herausforderungen bewältigen wollen, weist eine ausgereifte Idee in Zeiten knappen Geldes und kurzfristiger Sachzwänge einen Ausweg aus dem Dilemma: Ein System für Bildungsgutscheine. Es überträgt das Konzept des „Saber“ (= "Wissen") aus Brasilien, das dort Bildung neu organisieren soll. Von diesem Szenario lässt sich lernen, wie mit einer gezielten Investition ein Vielfaches an Nutzen für Bildung zu gewinnen ist.

Das Vorbild: Brasiliens SABER

In Brasilien sind rund 40 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre. Das stellt die Nation vor ein riesiges Bildungsproblem: Wie können diese Kinder – die Zukunft des Landes! – mit Bildung versorgt werden?
Die Beschaffung von Geld für ein Bildungsprogramm – der Faktor, an dem die meisten guten Ideen scheitern - erwies sich ausnahmsweise nicht als das schwierigste Problem: Die Regierung nutzte die Privatisierung der Mobilfunk-Industrie, um eine einprozentige Abgabe auf alle Telefonrechnungen einzuführen und so finanzielle Mittel für Bildungszwecke zu gewinnen. Mitte 2004 war dieser Topf beim Bildungsministerium mit einer Milliarde US-Dollar (in der Landeswährung drei Milliarden Reais) gefüllt.
Die Verwendung dieses nicht unbeträchtlichen Budgets bereitet den Entscheidern nun durchaus Kopfzerbrechen – zumal sie den Ehrgeiz haben, eine breite und dauerhafte Wirkung für das ganze Land zu erzielen. Die ausschließliche Förderung Begabter kommt deshalb nicht in Frage – zu wenige hätten einen Gewinn von dem Programm; breiten Schichten der Bevölkerung blieben weiterhin von Bildung ausgeschlossen.
Wie nun also möglichst hohen, möglichst nachhaltigen Nutzen erzielen – für alle jungen Leute im Land, und damit für das Land selbst und dessen Zukunft?
Die Lösung entwickelten zwei Professoren, Gibson Schwartz von der Universität Sao Paulo (Brasilien) und Bernard Lietaer von der Naropa Universität in Boulder (USA): Ein Bildungsgutschein-System könnte die Pläne der Regierung am besten umsetzen. Ein griffiger Name war schnell gefunden: SABER (=Wissen) soll die Wissenswährung heißen.

So funktioniert der SABER:

  • Die Bildungswährung ergänzt die Landeswährung (ist also eine Komplementärwährung); der Wert entspricht dem der Landeswährung Reai eins zu eins.
  • Die Gutscheine werden als fälschungssichere Papierwährung ausgegeben.
  • Das Bildungsministerium kontrolliert die Ausgabe.
  • Mit den Gutscheinen kann (zunächst) ausschließlich Bildung „erworben“ werden.
  • Die Gutscheine haben ihren vollen Wert für die Studiengebühren in einem festgelegten Studienjahr. Werden sie später eingelöst, sinkt der Wert jährlich um 20 Prozent. Das verstärkt den Anreiz, die Gutscheine so schnell wie möglich einzulösen.
  • Die Hochschulen können die SABERs nach bestimmten Kriterien beim Bildungsministerium in Reais zurücktauschen

Und so läuft das Projekt:
Vorbereitend erhebt das Bildungsministerium die Kapazitäten an den Hochschulen des Landes, die für zusätzliche Studierwillige genutzt werden könnten, und zwar

  1. die Anzahl der vorhandenen, aber nicht besetzten Studienplätze,
  2. die Anzahl der Studienplätze, die ohne großen Aufwand zusätzlich geschaffen werden können, und
  3. die Anzahl möglicher virtueller bzw. Fern-Studienplätze.

Danach entscheidet sich die Menge der SABERs, die in Umlauf gebracht werden. Das Bildungsministerium bestimmt die Nutzung und den Umlauf der Gutscheine von der Ausgabe bis zur Einlösung.
Die Behörde verteilt die Gutscheine an Schulen in wirtschaftlich schwächeren Gebieten, in denen normalerweise das Geld für höhere Schulbildung fehlt – obwohl es genügend Jugendliche gäbe, die dafür geeignet wären. Die Schulen geben die Gutscheine an die jüngsten Schülerinnen und Schüler aus. Entscheidend ist nun, dass die Lehrerinnen und Lehrer mit den Kindern herausarbeiten, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und welche davon sie sinnvollerweise fördern bzw. ausgleichen. Dann können die (z.B.) Siebenjährigen die entsprechende Leistung – beispielsweise Nachhilfe in Mathematik – bei einem Schüler der nächst höheren Klasse mit ihren SABERs „einkaufen“ (die Höhe des „Honorars“ wird von den beteiligten SchülerInnen selbst ausgehandelt). Die Nächstälteren verfahren genau so, bis die Bildungsgutscheine bei den Siebzehnjährigen ankommen, die schließlich die Gebühren für das erste Studienjahr an einer der an diesem Programm teilnehmenden Hochschulen damit bezahlen können.
Die Hochschulen – und nur sie – können am Ende die SABERs beim Bildungsministerium in Reais zurücktauschen. Da es den Universitäten deutlich geringere Kosten verursacht, die sonst freibleibenden Studienplätze über dieses Programm zu besetzen (geschätzte 10 % eines „normalen“ Studienplatzes), zahlt das Ministerium nur 50 % des sonstigen Satzes für einen Studienplatz. Der Staat spart also 50 % pro Studienplatz, während die Hochschule rund 40 % zusätzlich einnimmt – ein Gewinn für beide.

Die erwarteten Effekte...
...auf der Macro-Ebene:

  • Der SABER wird im Rahmen seiner Gültigkeit im Schnitt fünf Mal pro Jahr weitergegeben. Außerdem spart der Staat 50 Prozent dessen, was er normalerweise den Hochschulen für einen Studienplatz zur Verfügung stellt. Das Ergebnis ist ein zehnfacher Nutzen für Bildung im SABER-System gegenüber beispielsweise der Vergabe von Stipendien für begabte Schüler. Die drei Milliarden Reais im Topf des Bildungsministeriums würden so einen Nutzen im Wert von 30 Milliarden Reais stiften.
  • Mehr junge Leute können sich Bildung bis zur Hochschulreife und dann auch ein Studium leisten. Damit steigt die Zahl der gut ausgebildeten Menschen in Brasilien um ein Vielfaches. Das Land verfügt über deutlich mehr qualifizierte Menschen.
  • Das Potenzial an „Lehr- und Lernstoff“ in den Grund- und weiterführenden Schulen wird weit über den Lehrplan hinaus erhöht. Leicht und fast spielerisch weitet sich das Lehr- und Lernangebot im Land aus – ohne zusätzliche Kosten zu verursachen.

... auf der Micro-Ebene:

  • Die Kommunikation zwischen den Schülerinnen und Schülern verschiedener Jahrgangsstufen wird verbessert, das soziale Bewusstsein der Kinder gestärkt. Es entstehen neue soziale Bindungen, die auch schützend wirken können (vielfach werden gute oder lernwillige SchülerInnen von ihren weniger engagierten MitschülerInnen angegriffen).
  • Das Nachdenken über die beste Verwendung der Bildungsgutscheine führt dazu, dass die SchülerInnen sich selbst, ihre Stärken und Schwächen besser kennen und einschätzen lernen. Stärkere Persönlichkeiten sind das Ergebnis.
  • Sie entwickeln auf der Suche nach den besten „Lehrern“ unter ihren älteren Mitschülern einen Blick für andere Menschen, deren fachliche und pädagogische Fähigkeiten.
  • Sie üben sich im Rollenwechsel zwischen Lehrenden und Lernenden, denn jedeR SchülerIn wird höchstwahrscheinlich auch einmal von jüngeren SchülerInnen angefragt. Das steigert Sozialkompetenz und Selbstwertgefühl.

Die Unterschiede zur Nationalwährung:

  • Der SABER ist zweckgebunden – er kann nur von den Universitäten und nur für Bildungszwecke eingelöst werden.
  • Die Umlaufmenge an SABERs orientiert sich an der Studienplatz-Kapazität der Hochschulen und wird vom Bildungsministerium kontrolliert. Das schließt eine „Inflation“ aus – es gibt nie mehr Währungseinheiten als entsprechende „Güter“.
  • Der SABER ist terminiert – nach dem Ablaufdatum wird eine zwanzigprozentige Gebühr fällig. Das sichert den zeitlich begrenzten Umlauf der Währung und eine rasche Weitergabe. Das Horten wird „bestraft“.
  • Die kontrollierte und phasenweise Einführung lässt Probleme im Frühstadium erkennen und beheben.

Die Perspektiven:
Wenn sich das SABER-System einmal etabliert hat und die Kapazitäten der Hochschulen größer geworden sind bzw. sich mehr Hochschulen angeschlossen haben, lassen sich problemlos weitere Nutzungsmöglichkeiten denken:
Wer beispielsweise ältere Menschen betreut, könnte sich mit SABERs bezahlen lassen und damit (Weiter-) Bildungsmöglichkeiten erwerben. Das würde zusätzlich die generationsübergreifende Verständigung fördern und die Lebensqualität alter Menschen verbessern.
Oder: Der Staat bietet seinen Angestellten die Möglichkeit, sich einen Teil (z.B. 20 %) ihres Lohns in SABER auszahlen zu lassen. Wer das will, bekommt doppelte Menge an Bildungsgutscheinen gegenüber dem Lohnanteil. Für Arbeiter, die ihren Kindern einen Zugang zur Universität ermöglichen wollen, sicher eine attraktive Sache. Und selbst wer keine eigenen Kinder hat, kann sich mit den SABERs Dienstleistungen bei Menschen mit schulpflichtigen Kindern einkaufen.
Der Staat könnte so seine Kosten deutlich senken, zugleich für eine Auslastung der Hochschulen sorgen und das Bildungsniveau des Landes weiter steigern.

(Am 6. und 7. Dezember 2004 diskutierten in Brasilia Vertreter des brasilianischen Bildungsministeriums und verschiedener anderer Ministerien sowie von Weltbank und UNESCO das SABER-Modell im Rahmen des internationalen Seminars „Know Global 2004 – Interaction: Knowledge and Development“ erstmals öffentlich.)

Was kann Deutschland von diesem Modell lernen?

Aus unserer Sicht ist das SABER-Modell mit nur wenigen Abwandlungen auf das gesamte Wissensmanagement- und Bildungssystem Deutschlands übertragbar und könnte auch hier die oben skizzierten Effekte bringen – im Wesentlichen

  • einen deutlich höheren Nutzen aus den vorhandenen Budgets,
  • die Vervielfachung und systematische Nutzung des vorhandenen Wissens und Könnens, und nicht zuletzt
  • eine offenere, beweglichere Bildungs- und Ausbildungskultur, die selbstbewusste, rollenflexible BürgerInnen hervorbringt.

Ein zusätzlicher Gewinn scheint uns die strukturelle Verknüpfung von Wissensmanagement und Weiterbildung in allen gesellschaftlichen Bereichen zu sein, die Transparenz, Synergieeffekte und dadurch deutlich bessere Ressourcennutzung mit sich bringen kann.
Bereits jetzt gibt es Mentoren-Programme im öffentlichen Dienst, in Hochschulen und in Betrieben, die neu Eingestellten erfahrene KollegInnen an die Seite stellen. Dieser Ansatz lässt sich weiterentwickeln: Mit Bildungsgutscheinen, die beispielsweise an Auszubildende oder generell an „Neue“ ausgegeben werden, können diese entweder frei wählen, von wem im Unternehmen sie was lernen wollen, oder sie können aus einem Spektrum von Weiterbildungsmöglichkeiten innerhalb ihrer Region auswählen, wann und von wem sie Know-how „einkaufen“ möchten.
Nach mehreren Durchläufen landen die Gutscheine schließlich in den Hochschulen (oder der entsprechenden Stelle für Fortbildung / Wissensmanagement) und können dort über die zuständigen Ministerien in Euro umgetauscht werden - beispielsweise zur Bezahlung von Personal- oder Sachkosten.
Ähnlich wie das SABER-Modell sich über die erste Stufe hinaus denken lässt, ist auch das Bildungsgutschein-System perspektivisch auf alle Aus-, Fort- und Weiterbildungsanbieter und dann auch auf regionale Wirtschaftsbezüge ausdehnbar (Zulieferer werden in BIGS bezahlt und können dafür offene Bildungsangebote von Unternehmen bzw. Hochschulen nutzen oder die Gutscheine an ihre Angehörigen, die dort arbeiten, weitergeben). Als Corporate Citizens könnten sogar Betriebe auf diese Weise Verantwortung für ihr regionales Umfeld übernehmen.

Offene Fragen

Eine Reihe offener Fragen gilt es allerdings im Vorfeld zu klären (wir haben zu bedenken, dass dies ein völlig neues Instrument ist und hier Pionierarbeit geleistet werden muss; bisherige Erfahrungen wie die mit den Bildungsgutscheinen der Bundesagentur für Arbeit können höchstens helfen, grobe Fehler zu vermeiden). Hier nur einige zentrale Punkte, für die es klare Orientierung geben muss:

  • die Wertbestimmung der Gutscheine und die „Preise“ für die Bildungsangebote,
  • die Regeln für die Nutzung,
  • die optimale Steuerung der Gutschein-Flüsse,
  • die sinnvolle Zeit- und Wertbeschränkung pro TeilnehmerIn,
  • die kommunikative Begleitung dieses neuen Instruments,
  • die Gewährleistung von Fälschungssicherheit und Datenschutz,
  • die Verhinderung von Missbrauch, und
  • die Qualitätskontrolle bzw. Überprüfbarkeit der Ergebnisse.

Das Richtige für eine lernende Gesellschaft

Diese innovative Idee des Wissens- und Bildungsmanagements ist ideal für eine Gesellschaft,

  • in der Bildung das entscheidende Plus im globalen Wettbewerb ist, insbesondere angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Krise,
  • die lebenslanges Lernen als Herausforderung längst begriffen hat, und
  • die angesichts wachsender Haushaltslöcher doch Probleme mit der Finanzierung vieler guter Pläne im Bildungsbereich hat.

Doch die Entscheidung erfordert Achtsamkeit: Die Einführung eines solchen Modells ist ein Projekt des kulturelles und mentalen Wandels. Die Bildungsgutscheine funktionieren nicht als ein isoliertes Tool zur Effektivitätssteigerung, von dem die Bildungsträger selbst möglichst unberührt bleiben wollen. Kommunikation zur erfolgreichen Einführung ist nötig, und Kommunikation entsteht im Laufe des Projekts. Eine ganz neue Perspektive auf die Hol- bzw. Bringschuld von Bildung wird entstehen. Anspruchshaltungen sind aufzugeben, Eigenverantwortlichkeit und aktives Selbstmanagement sind für das Gelingen unumgänglich. Der Erfolg steht und fällt letztlich mit dem verbindlichen Engagement und der Glaubwürdigkeit der Menschen bzw. Einrichtungen, die für das Modell eintreten.

Was es nun braucht

Wir streben ein Pilotprojekt an, das die Wirkungsweise von Bildungsgutscheinen in der hier skizzierten Weise demonstriert. Am besten geeignet erscheint uns z.B. das Schulsystem eines Bundeslandes oder ein überregionaler Bildungsanbieter.
Mutige Menschen, die dies mit uns ausprobieren möchten, sind willkommen. Wir können ein Teilstipendium für ein Jahresprogramm im Studiengang "Gestaltung nachhaltiger Geldsysteme" bei Gaia University Deutschland (www.gaiauniversity.de) anbieten, wenn uns die Bewerbung mit Projektskizze überzeugt.

Kontakt: kathleen.battke@gaiauniversity.de

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Stand: 18. Februar 2009